Archäologie kompakt - 30 Jahre archäologisches Welterbe in Lübeck: Ein Überraschungserfolg!

Lübeck als Welterbe wird in diesem Jahr 30 – plötzlich 30! So war 2017 die Kampagne des Lübeck-Travemünde-Marketings angelegt, mit überwiegend touristischen Aktionen, aber auch mit Botschaftern, also jungen Lübeckern, die in diesem Jahr ebenfalls 30 wurden und in den Lübecker Nachrichten ihr Lübeck präsentierten. Die Archäologische Gesellschaft der Hansestadt Lübeck e. V. jedoch war der Meinung, dass dabei  Archäologie zu wenig thematisiert war, hatte doch damals beim zweiten Anlauf der Bewerbung bei der UNESCO gerade der Eintrag zu den archäologischen Forschungen dazu beigetragen, dass Lübeck auf die Liste gesetzt wurde: „Das Komitee empfahl, die archäologischen Ausgrabungen unter der historischen Altstadt von Lübeck fortzusetzen, einschließlich der Zonen, die nicht in die Liste des Welterbes eingetragen sind, und wünscht, darüber informiert zu werden.“  Und so plante die Archäologische Gesellschaft zusammen mit dem Bereich Archäologie und Denkmalpflege einen kompakten Vortragszyklus mit fünf Vorträgen, die sich mit der Bedeutung der archäologischen Forschung in Lübeck und deren Ergebnissen befassen sollten. Diese Vorträge fanden immer donnerstags (31.08.; 07.09.; 14.09.; 21.09.; 28.09.) um 19.30 Uhr in den Pastorenhäusern von St. Jakobi statt. Der Ort erschien passend, gehören die Räume doch ebenfalls zum Welterbe, und gerade beim ersten Vortrag ergaben  sich enge Bezüge zwischen Archäologie und Jakobi, so war z. B.  Pastor Klug Mitte des 19. Jahrhunderts einer der Ausgräber der beiden Großsteingräber in Waldhusen und Blankensee. Auch die Größe des Raumes erschien durchaus angemessen, doch schon bei der ersten Veranstaltung wurden  die Archäologen überrannt, beim Vortrag  „Schutt und Scherben -  Lübeck nach dem Krieg und die Anfänge der Stadtkernarchäologie“, der von Doris Mührenberg M.A. gehalten wurde, war der Saal überlaufen.

Der Vortrag zeigte,  wie die Stadt nach dem Bombenangriff von 1942, bei dem ein Fünftel der Altstadt zerstört wurde, aussah, beim Wiederaufbau kamen die mittelalterlichen Strukturen der ersten deutschen Stadt an der Ostsee zutage und in den zahlreichen Kloaken, die damals entdeckt wurden, fanden sich Funde, die den Alltag der mittelalterlichen Lübecker sichtbar machten. Die Fülle der Funde und das Wissen um das historische Erbe in der Erde  begründeten die Lübecker Stadtarchäologie unter Dr. Werner Neugebauer.

 Und der Ansturm der Archäologie-Begeisterten ging weiter, beim zweiten Vortrag „Der Alltag im mittelalterlichen Lübeck im Spiegel der schönsten Funde“, ebenfalls gehalten von Doris Mührenberg, mussten ca. 80 Interessierte vor der Tür bleiben, da man aus sicherheitstechnischen Gründen nicht mehr als 100 Personen in den Saal einlassen durfte. Das führte dazu, dass sich viele Besucher bei den folgenden Veranstaltung  eine (!) Stunde vor Vortragsbeginn ihre Plätze sicherten. In oben genanntem Vortrag wurden die ersten Funde nach dem Krieg wie Keramik, Spardosen und Püppchen vorgestellt, aber auch die in den letzten Jahren gefundenen Objekte. Das Besondere an den Lübecker Funden ist, dass die fäkalhaltigen Kloaken und die feuchten Schichten die organischen Funde wie Holz, Leder und Textilien hervorragend konservieren.  Das Magazin des Bereichs Archäologie umfasst heute ca. 2,5 bis 3 Millionen Einzelfunde, vom Holzbalken eines Hauses aus der Zeit Adolfs von Schauenburg über zahllose Keramikscherben und Tierknochen bis hin zur kleinen Knochenperle - und jeder Fund erzählt ein Stück vom Alltag des mittelalterlichen Lübeckers.

Auch die folgenden Themen zogen die Menschen an. Der Vortrag „Erste große Ausgrabungen in der Lübecker Altstadt: Vom Handwerkerviertel in der Hundestraße bis zum Hafen an der Trave“, referiert vom ehemaligen Bereichsleiter Prof. Dr. Manfred Gläser, zeigte auf, dass in den siebziger Jahren unter dem damaligen Amtsleiter Prof. Günther P. Fehring begonnen werden konnte, großflächiger zu graben, das zu verwirklichen, was die Archäologen nach dem Krieg beim Wiederaufbau noch nicht umsetzen konnten, ihnen waren vorwiegend die Kloaken als Forschungsobjekte geblieben. Vor allem die Ergebnisse der grundstücksübergreifenden Grabungen, die zwischen  1973 und 1994 unternommen wurden, vermehrten das Wissen über den Ablauf der Siedlungsgeschichte enorm und begründeten den Rang Lübecks als am besten untersuchte Stadt Deutschlands. Prof. Gläser stellte die Ausgrabungen in der Hundestraße (die erste grundstücksübergreifende Grabung), auf dem Schrangen und dem Markt, in den Klöstern, im Burgbereich, am Hafen und in der Großen Petersgrube vor.

Das Interesse riss nicht ab. Der Vortrag „In Lübeck fließt Wasser in Röhren – seit über 700 Jahren!“ von Mieczysław Grabowski M.A. dokumentierte  die Entwicklung und Wandlung der Lübecker Wasserversorgung vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert. M. Grabowski erläuterte die verschiedenen Arten der Wassergewinnung und –versorgung vom Schöpfen aus den Flüssen und  Brunnen bis zum Transport durch Druckleitungen. Besondere Betonung legte er auf die innovative Rolle der Lübecker bei der Herstellung der technisch sehr aufwendigen Wasserleitungen und der künstlichen Wasserhebung, hatte Lübeck doch die erste Wasserversorgung mit einem Wasserrad nördlich der Alpen, und das im Jahre 1294!

Beim Abschlussvortrag  „Die Keimzelle der Hanse: Ausgrabungen im Lübecker Gründungsviertel“ von Dr. Manfred Schneider, dem jetzigen Bereichsleiter, standen die neuesten Grabungen im Lübecker Gründungsviertel von 2009 bis 2017 im Mittelpunkt, zählen sie doch zu den größten stadtarchäologischen Projekten in Nordeuropa. Da die Grabungen an die älteren Grabungen von 1985 bis 1990 unmittelbar anschließen, konnten über 50 historische Parzellen dokumentiert werden,  und durch eine große Befundmenge können der Siedlungsbeginn und die Siedlungsentwicklung greifbar gemacht werden.

Jeder Vortrag wurde begleitet durch die Moderation von Alfred Falk M.A., dem Vorsitzenden der Archäologischen Gesellschaft der Hansestadt Lübeck e. V., und nach den Vorträgen und  den interessierten Fragen der Besucher gab es noch anregende Gespräche und Diskussionen bei Brot und Wein.

Die Archäologen waren überrascht über den Erfolg dieser Vortragsreihe und denken über weitere Aktivitäten dieser Art nach!

DM

(Dieser Text erschien erstmals am 28.Oktober 2017 in den Lübeckischen Blättern 2017, Heft 17)

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