Görlitz - Zu Besuch bei Freunden 2008
von Hartmut Possekel
Die Überschrift ist „fußballerisch“ angehaucht. Eigentlich heißt es ja „Zu Gast bei Freunden“ und war das Motto der Fußball-WM 2006 in Deutschland. Die Abwandlung ergibt sich, da die Exkursion während der EM der Fußballer 2008 stattfand und nach Görlitz ging, der Heimat von Michael Ballack, dem Kapitän der Fußballnationalmannschaft. Mittlerweile wissen wir, es hat „nur“ zur Vizemeisterschaft gelangt, aber ist das nichts bei 45 europäischen Staaten (wobei es im Sinne der UEFA sogar noch mehr sind – z.B. Wales, Schottland usw.)? Dies zur Einleitung.

Nach einer gut achtstündigen Fahrt mit dem „Kleinen Glückstädter“ (sehr bequem) erreichten die 26 Teilnehmer am Donnerstag, dem 19. 6. 2008, ihr Quartier, das 4-Sterne-Hotel „Mercure“, direkt an der Neisse gelegen. Dass Görlitz eine geteilte Stadt ist, zeigt sich an den Grenzpfählen in der Nähe des Hotels.
Nachdem wir uns etwas frisch gemacht hatten, begann ein kleiner Rundgang durch die Altstadt von Görlitz, bei dem wir zufällig den Bausenator der Hansestadt Lübeck, Herrn Boden, und den Leiter des Stadtplanungsamtes, Herrn Jeiler, trafen, die sich dienstlich in Görlitz aufhielten.

Der Stadtrundgang dauerte wirklich nicht lange, denn im „Bürgerstübl“ in der Neißstrasse (Braurecht seit 1225) wartete bereits das bestellte Essen auf uns. Wegen des schönen Wetters konnten wir im romantischen Innenhof unser Essen einnehmen, auch wenn es zwischendurch leicht regnete.
Einige ließen den schönen Abend in der Hotelhalle beim Fußballländerspiel Deutschland-Portugal ausklingen. Da „unsere Jungs“ das Spiel 3 : 2 gewannen, waren „wir“ fürs Halbfinale qualifiziert.
Freitag, der 20. 6., stellte an die Kondition der Exkursionsteilnehmer einige Anforderungen (doch das wussten wir erst am Ende des Tages). Nach einem reichhaltigen Frühstück holte uns Herr Mitsching, der Görlitzer Denkmalpfleger, vom Hotel ab und zeigte uns mit großer Begeisterung seine Wirkungsstätte.

Zunächst führte uns der Weg zum Waidhaus (Waid = Tuchfärbemittel). Erstmals wird die Anlage in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts erwähnt und war eine der Keimzellen der Görlitzer Stadtentwicklung. Das Gebäude dient heute als Fortbildungszentrum für Handwerk und Denkmalpflege. Da leichter Regen das Besichtigungsprogramm zu beeinträchtigen drohte, führte uns Herr Mitsching in ein liebevoll restauriertes altes Handwerkerhaus. Wie sich bald herausstellte, nicht zuletzt durch die zutrauliche Katze, war es sein Privathaus. Ausgestattet mit Schirmen aus dem Fundus von Herrn Mitsching ging es dann weiter zu St. Peter und Paul, der Hauptkirche von Görlitz, einer gotischen Kirche mit barocker Ausstattung (Grundsteinlegung 1423, bei einem Brand 1691 Zerstörung des gesamten spätgotischen Inventars). Erwähnenswert sind neben der vergoldeten Kanzel (1693) die Sonnenorgel (1703) und die Beichtstühle in der evangelischen Kirche.

Nach dem Sakralbau erfreuten dann profane Bauten unsere Gruppe. Zunächst zeigte uns Herr Mitsching einige Hallenhäuser, in der Anlage etwa vergleichbar mit den alten Lübecker Kaufmannshäusern. Besonders stolz war er auf das „Biblische Haus“, dem Sitz der Görlitzer Denkmalpflege. Der Name rührt daher, dass in den Brüstungsfeldern des 1. und 2. Obergeschosses Reliefs mit Szenen aus dem Alten und dem Neuen Testament zu sehen sind.
Vorbei am Rathaus, in Etappen gebaut von der Mitte des 14. Jahrhunderts bis 1903, und der Verrätergasse (– erinnerte mich an den Knochenhaueraufstand in Lübeck –) ging es dann zum Mittagessen in die „Nachtschmiede“. Der Wirt persönlich erklärte in einer schaurig-schönen Moritat den Namen.
Den Nachmittag gestaltete mit uns Herr Ritter vom Amt für Denkmalpflege Görlitz. Zunächst besichtigten wir den Nikolaifriedhof mit seinen Grufthäusern, wovon wir auch eines anschauen konnten, um dann zum Hl. Grab zu kommen. Die Gesamtanlage wurde 1504 vollendet. Die Grabkapelle ist eine originalgetreue Kopie der hochmittelalterlichen Begräbnisstätte Christi in Jerusalem. Unwillkürlich drängte sich dem Verfasser dieser Zeilen dabei der Vergleich mit dem von Hinrich Konstin gestifteten Lübecker Kreuzweg von St. Jakobi zum Jerusalemsberg auf.

Ein weiterer Punkt unserer nachmittäglichen Exkursion war die Besichtigung des aus der Gründerzeit stammenden Theaters, des Kaufhauses Hertie (ehemals Karstadt), verschiedener Eingangsbereiche von Häusern im Gründerviertel, der Synagoge sowie des Bahnhofs, immer wieder aufgelockert durch launige, fachkundige Bemerkungen von Herrn Mitsching.
Der Vormittag des 21. Juni führte unsere Gruppe zunächst zum Berzdorfer See, einem ehemaligen Braunkohleabbaugebiet, das zu einem großen Naherholungsgebiet ausgebaut wird. Nach der Fertigstellung im Jahr 2010 wird der See eine Tiefe von 70 m haben (da kommt die Ostsee nicht mit).
Dann ging es weiter zur Zisterzienserinnenabtei St. Marienthal. Seit 1234 besteht dieses Kloster und hat alle Widrigkeiten der Jahrhunderte überlebt, sei es den 30jährigen Krieg, die Nazidiktatur (das Kloster sollte noch am 7. 5. 1945 gesprengt werden) und das wenig kirchenfreundliche DDR-Regime. Nach und nach wird jetzt die gesamte Klosteranlage restauriert.
Auf der Rückfahrt nach Görlitz machten wir noch einen Abstecher nach Hirschfelde um uns Umgebindehäuser anzusehen. Diesen Begriff hatte ich als blutiger Laie vorher noch nie gehört. Nun weiß ich, dass der Begriff „Gebinde“ seit dem Mittelalter in der Oberlausitz beim Hausbau Verwendung findet (Ständer, die mit Riegel und Streben miteinander verbunden waren) und der Begriff „Umgebinde“, die eigenständig um die Blockstube gestellte Stützkonstruktion, die das Obergeschoss und das Dach beim Wohnhaus trägt, erstmalig 1839 in einer historischen Baurechnung aus der Sächsischen Schweiz erwähnt wird. Hübsch sehen die Häuser schon aus, und heimelig sind sie bestimmt auch.
Der Nachmittag gehörte dann Herrn von Richthofen, dem Leiter des Kulturhistorischen Museums und der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften, der uns fachkundig seine Schätze näher brachte. Besonders beeindruckend war der Saal der Bibliothek mit den großen bogenförmigen Bücherregalen. Übrigens stammen rund 80% der ca. 135.000 Bände aus der Zeit vor 1850.
In der Kaisertrutz hatte Herr von Richthofen eine kleine Ausstellung von Fundstücken aus Görlitz für uns zusammengestellt.
Abgeschlossen wurde der ereignisreiche Tag mit einem gemeinsamen Abendessen im „Dreibeinigen Hund“. Die Entstehungsgeschichte dieses Namens würde den Rahmen des Berichtes sprengen, nur, das sei erwähnt, es war gruselig.
Die Rückfahrt am Sonntag, dem 22. 6., führte uns bei zunächst strahlendem Sonnenschein nach Bautzen. Leider reichte unsere Zeit nur, die 512 Jahre alte Wasserkunst zu besteigen. Die technische Anlage in der „Unterwelt“ und der Ausblick von der Spitze waren sehr beeindruckend. Erschreckend war zu hören, dass die DDR-Verantwortlichen planten, die gesamte Innenstadt von Bautzen „platt“ zu machen, um dann Plattenbauten zu errichten. Gott sei Dank war die Wiedervereinigung schneller.
Die weitere Rückfahrt verlief dann etwas „holpriger“. Zunächst gab es ca. 50 km vor Berlin einen etwa einstündigen Stau (nicht mal „stop and go“) und in Brandenburg/Mecklenburg regnete es teilweise heftig. Bei der Ankunft in Lübeck schien dann wieder die Sonne.
Fazit: Eine rundum gelungene Exkursion bei Freunden (damit schließt sich der Kreis zu den ersten Zeilen).
Ein herzliches Dankeschön an alle, die an der Vorbereitung und Durchführung beteiligt waren, vor allem aber an Herrn Dr. Schneider und unseren Busfahrer, Herrn Blucha.
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